Entgleisung 2

Verdammte Kiste! Es fing so gut an am Bahnhof Süd. Zivilisierter Einstieg in den dritten Wagen des RE 5, kein Geschubse, kein Gedrängel, alles ganz ruhig. Platz mit Beinfreiheit, der Sitz links neben mir unbesetzt. Der Zug rollt an. Obwohl es relativ leise im Zug ist, setze ich meine blauen Baustellenohrenschützer auf, so dass um mich herum nur noch ein gedämpfter Ton wahrnehmbar ist. Beste Voraussetzungen für 35 Minuten Nietzsche-Exegese bis zum Hbf Düsseldorf. „Nietzsches Ziel als Philosoph ist es, die Ironie zu überwinden“, meint Hayden White. Außerdem wird er, der Philosoph, „von dem Verlangen nach Wiederherstellung des Heroismus in einem Zeitalter der Mittelmäßigkeit und des kulturellen Rückschritts bewegt.“

Am Hbf Köln registriere ich aus dem Augenwinkel, dass sich ein junger Typ mit dunkler Stoffhose, blauem Hemd und einer Packung Vitalis-Müsli im Arm auf den freien Platz neben mich setzt. Kein Problem, ich lese weiter, der Regionalexpress rollt über die Hohenzollernbrücke zum Bahnhof Deutz/Messe. Dort die übliche Aus- und Einstiegsprozedur. Und dann das erste laute Wort: „Ach, Du auch hier!“ Zwei Anzugjungs mit Krawatte bleiben so vor mir stehen, dass mein Blick gleich am Hosenschlitz der beiden landet. Ekelhaft. Sie begrüßen meinen Sitznachbarn mit Handschlag und vor allem in Diskolautstärke. Dagegen hat mein Baustellenlärmschutz keine Chance – jede Silbe dringt zu mir durch, und in der gedämpften Tonlage sogar noch klarer als ohne Anti-Lärm-Apparat. Den nächsten Satz meines Buchs verstehe ich schon nicht mehr, auch nicht beim vierten Versuch. „Ist mal wieder verspätet“, sagt einer der beiden Steher im blauen Anzug und mit den braunen Lederschnürschuhen. Ich könnte ihm gleich in die Eier boxen. Aber ich klappe lieber nur mein Buch zu. Stattdessen öffne ich Lied 8 und mache mir im Editor Notizen.

„Wenn im Herbst die Blätter fallen, gibt es noch mehr Verspätungen. Weil dann die Blätter auf den Gleisen liegen“, weiß der Nachbar. „Klar, klar!“, weiß der Steher gleich neben mir, der auf mich herab spricht. Wenn er dabei auch noch leer und verkrampft eine Art Lachen hinterherschiebt, stößt er seinen schlechten Atem auf mich runter. Ich wende mich ab, habe aber auch keine Alternative in diesem vollen Zug, wenn ich denn nicht bis Düsseldorf stehen will.

Bei den Schnöseln handelt es sich offenbar um Studenten, die gerade ein Praktikum in Düsseldorf absolvieren. „Corporate Finance“, höre ich einen von ihnen sagen. Wahrscheinlich BWLer. Irgendwo müssen Stereotype ja ihr Futter her haben. Die „Unterhaltung“ zwischen den Dreien plätschert weiter vor sich hin – formelhaft, floskelreich, absehbar, abgenutzt. Thema sind Abfahrtszeiten, Anschlusszüge, Arbeitszeiten, Abkürzungen, Scouting and Research, Zeitkonto.

Doch dann wird es unerwartet interessant: sie tauschen sich über Erfahrungen beim Betuppen der Bahn aus – Schwarzfahren im ICE und Sitzen in der ersten Klasse. Sind die Jungs vielleicht doch ganz ok? Dann aber wieder dieses gewürgte Lachen, unbehaglich, hilflos. Small Talk unter Jungs im Alter von vielleicht 20, 21 oder 22. „Nicht schlecht“, so einer von ihnen. „Na ja, wie man es nimmt“, der andere.

Themenwechsel: Von der Bahn zur Arbeit. „Man sollte nicht zu schnell arbeiten, dann kommen immer nur mehr Sachen auf den Tisch“, behauptet einer der Steher. „Ja, stimmt“, wiehert der andere mit seinem stinkenden Lachen. „Der Boss kommt morgens wie er will“, erzählt der Sitzer lakonisch. „Ja, aber dafür arbeitet er viel mehr und bleibt sehr lange“, protestiert der linke Steher pflichteifrig. Das haben sie wahrscheinlich schon mit der Muttermilch aufgesogen – Freiräume verdient man sich nur durch Leistung, selbst als Chef. Meine Güte, diese Formelhaftigkeit dieser überstrapazierten Satzbausteine. Schrecklich. Langweilig. Lähmer.

Ich kürze ab – Junkersdorf, Pendeln, Hobby für die Bahnfahrt suchen, Italienisch lernen, Blick aufs iPhone, Türstörung in Benrath, Überstunden, Wochenende in Sicht, Einkaufen, Zeiterfassung, U-Bahn verpasst. Dann sagt einer der Steher: „Deutz? Und ich habe immer Neuss verstanden!“ Gnade.

*ausstieginfahrtrichtungrechts*

sdr
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