Chronistenpflicht 2

Am 26. August 1988, ein Jahr vor dem Anfang vom Ende, erhöhte die BRD das sogenannte Begrüßungsgeld für Konsumfreudige aus dem Nachbarland DDR auf 100 D-Mark pro Person pro Jahr. Sehr zur Freude der Arbeiter und Bauern aus der Zone, die – wenn sie denn mal rüber ins gute Deutschland durften – bis dahin nur 30 harte Marken erhielten, das allerdings mit zweimaligem Anspruch im Jahr . Die christliche Idee eines Begrüßungsgelds für die eingekerkerten Brüder und Schwestern im Ostgefängnis gebar das erste Kabinett Brandt 1970. 30 Mark zweimal im Jahr, das war den Sozialliberalen ein Ostdeutscher damals schon wert, aber nicht ganz uneigennützig, denn das Geld sollte ja in der BRD ausgegeben werden und so die eigene Wirtschaft mitankurbeln. War dieser Plan Teil der Konzertierten Aktion? Steckte Schiller dahinter? In jedem Fall eine ausgebuffte Idee.

1988 dann die Erhöhung – möglicherweise ein Indiz mehr dafür, wie ahnungslos die Kohl-Regierung – aber nicht nur sie – damals mit Blick auf das war, was sie nur ein Jahr später ereilen sollte. Hätte sie es geahnt, sie hätte wohl den Teufel getan, so viel Geld zum Fenster raus bzw. den ausgehungerten Mäulern in den gierigen Rachen zu werfen. Und hier lohnt ein Blick auf die Zahlen. Was kostete der ganze Spaß eigentlich?

Bis 1984 kamen Jahr für Jahr bis zu 60.000 DDRler rüber, was  im Jahreshaushalt der BRD jeweils ein Minus von etwa 1,8 Millionen D-Mark ausmachte. Besuchserleichterungen im Jahr 1985 ließ die Zahl der Schaufensterfreunde auf 1,3 Millionen hochschnellen – Kostenfaktor 30,9 Millionen DM. Im Jahr der Erhöhung rissen die Volksgenossen ein Loch von sage und schreibe 260 Millionen DM in die ohnehin klammen Kassen der aber glücklicherweise stets kreditwürdigen Bundesrepublik. Und dann November 1989 – alle Dämme brechen, hordenweise strömen Wirtschaftsflüchtlingen in den Garten Eden und kosteten uns, die wir damals mal gebannt, mal ungläubig und manchmal auch verängstigt diese Deutsche Revolution am Fernseher verfolgten, in nicht einmal ganz zwei Monaten geschätzte vier Milliarden D-Mark. Hätte man geahnt, was das alles mal wieder kostet, wäre dann die Geschichte möglicherweise anders verlaufen? Eine Frage für Kontrafaktiker unter Historikern und Journalisten. Bleiben wir doch lieber bei den Fakten.

Lager Friedland, Ausgabe von Begrüßungsgeld

Wahr ist, dass während der heißen Phase beim Abkassieren des Belohnungsgeldes ziemlich kräftig geschummelt wurde. Viele holten sich das Kopfgeld gleich mehrfach ab. Wie das, erhielt doch jeder, der an einer Bank den Hunni ausgezahlt bekommen hatte, einen entsprechenden Stempel in seinen Ausweis? Die BZ kennt die Tricks auch noch zwanzig Jahre später: „Die „cleverste“ Variante war ein Reisepass. Den konnte man nach dem Mauerfall in der DDR beantragen. Und der wurde bei den Banken gleichberechtigt mit dem Personalausweis akzeptiert. Variante 2: Die gestempelte Seite wurde aus dem Personalausweis herausgerissen. Variante 3: Die Stempel wurden durch Auswaschen, Radieren oder einen Klecks unleserlich gemacht.Bei dem Massenandrang und der Hektik an den Bankschaltern blieb oft keine Zeit, genau zu prüfen. […] Ein 49-jähriger Friedrichshainer Rentner hatte sechsmal (!) abkassiert.“ Man hätte sich schon damals ausmalen können, was für ein Lausepack man erst herübergelockt und dann eingekauft hatte.

Wahr ist auch, dass sich unverzüglich und sofort nach dem Mauerfall in Berlin chaotische Szenen abspielten. Zehntausende drängten sich in Banken und Sparkassen und brachten nebenbei auch den Verkehr zum Erliegen. Nur dem beherzten Einsatz von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten war es zu verdanken, dass es keine toten Revolutionäre vor Bankschaltern gab.

Diszipliniertes Anstehen für "Meine ersten 100 Westmark"
Diszipliniertes Anstehen für „Meine ersten 100 Westmark“

Wahr ist, dass die Bundesregierung angesichts dieser Lasten und mit Blick auf das eigene Volk – wie lange würde es noch tatenlos zusehen, wie sein Geld an das schlecht gekleidete und eigenwillig frisierte Lumpenproletariat aus dem Osten verschenkt wurde? – allmählich nervös wurde. Die Neidgefahr war groß und so richtig schlecht ernährt sahen die Befreiten für den TV-Zuschauer nun auch nicht aus. Instinktsicher erklärte Kohl es Bush I. damals so: „Wenn jetzt z.B. ein Ehepaar mit drei Kindern in den Westen reist, erhält es 500 DM Begrüßungsgeld. Wenn es für 20 DM Ware bei uns kauft und 30 DM zum Kurs von 1:20 wieder in Mark der DDR umtauscht, bringt es von dieser Reise noch praktisch 6 Durchschnittsgehälter mit zurück… Am 31. Dezember 1989 wird die Zahlung des Begrüßungsgeldes eingestellt.“

Bleibt noch zu fragen, was sich die Überläufer von der ganzen Kohle gegönnt haben? Laut Befragungen in den ersten Tagen standen vor allem Kaffee, Schokolade und Südfrüchte auf dem Einkaufszettel der Flüchtlinge – endlich mal eine Sarotti-Tafel, hmmm, wie der Jacobs-Kaffee duftet, wie im Fernsehen.

Genauer weiß es Peggy Meinfelder aus Hildburghausen. Sie hat eine Internetseite mit dem Titel Meine ersten 100 Westmark eingerichtet. Dort sammelt sie Fotos von Kaufobjekten sowie Stimmen und Erinnerungen von Erstkonsumenten. Ein Klick lohnt sich. Ein Beispiel:

„Doreen R.
Eigentlich wollte ich Fruchtjoghurt, weil’s das bei uns ja nicht gab. Aber leider habe ich im Eifer des Gefechts und weil ich nicht genug bekommen konnte, gleich zur 500g Packung gegriffen, und da gab es damals nur Naturjogurt. Zu Hause, als mir das aufgefallen ist, war ich ganz schön entäuscht. Aber die Packung hab ich nicht mehr…..Ansonsten weiß ich gar nicht, was ich mir noch gekauft habe. Ich frag? Christoph mal, die heben eigentlich immer ziemlich viel auf…“

Shoppingausbeute von Wirtschaftsflüchtlingen aus der DDR
Shoppingausbeute von Wirtschaftsflüchtlingen aus der DDR

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