Chronistenpflicht 1

Am 24. August 1953 ist sie in die Straßenverkehrsordnung der aus Ruinen auferstandenen BRD eingegangen: die Dickstrichkette. Dickstriche sind 25 Zentimeter dick und 50 Zentimeter lang. Zur Kette werden sie durch 25 Zentimeter Abstand hintereinander – so die Regel, so die Ordnung. 

Hier noch ein Vorläufer und Vorbild.
Hier noch ein Vorläufer und Vorbild.

Das Problem, dass der Dickstrichkette vorausging, drückte die Berliner Verkehrsbehörde so aus: „Wir kriegen die Leute nicht mehr über die Straße“. Ich versuche es mir vorzustellen – Anfang der 50er Jahre, überall noch Zeichen des verlorenen Krieges, der Verkehrsfluss durch die Aufteilung der Stadt ohnehin unterbrochen, das Wirtschaftswunder noch in den Kinderschuhen. Welchen Straßenverkehr muss man sich im damaligen Berlin vorstellen, dass man die Leute nicht mehr über die Straße bekam? Gibt es Unfallstatistiken?

Das Statistische Bundesamt hat sie – sie reichen bis in das Jahr 1950 zurück, allerdings für die Bundesrepublik insgesamt. Demnach gab es 1950 bundesweit 163.754 erfasste Verunglückte bei Straßenverkehrsunfällen, 6.428 davon kamen ums Leben. Drei Jahre später, im Jahr der Einführung der Dickstrichkette, waren es bereits 326.606 bzw. 11.449. Diese Zahlen waren alarmierend, denn im Jahr davor – 1952 – stand es noch 250.494 : 7.775. Eine Lösung musste her, der rapide Zuwachs musste gestoppt werden.

Sie war eine Verlegenheitslösung – die Dickstrichkette. Zwar konnte der Anstieg abgebremst werden, aufzuhalten war der Trend aber insgesamt nicht, wie ein Blick auf die Zahlenkolonnen der braven Beamten zeigt. 1963 verunglückten bei Verkehrsunfällen bereits 438.811 Personen, 14.513 starben.

Zentralbild-Schmidtke Me-Qu. 22.3.52. Erster Fussgängerschutzweg in Berlin. Die Berliner Verkehrspolizei hat in Niederschöneweide zur Sicherung des Fussgängerverkehrs eine Neuerung geschaffen. Über den Fahrdamm führt ein "Fussgängerschutzweg", auf dem die Fussgänger das Vorrecht haben. Der Schutzweg ist kenntlich durch je zwei parallel laufende weisse Streifen quer zur Fahrbahn und durch rot-weisse Leuchtpfeile mit der Aufschrift "Fussgänger". Die dort gesammelten Erfahrungen sollen richtungsgebend sein für die Errichtung weiterer derartiger Anlagen in anderen verkehrsreichen Strassen. UBz: Der erste Fussgängerschutzweg vor dem Ausgang des S-Bahnhofs Schönweide, vor dem sich leider bisher viele Verkehrsunfälle ereigneten.
Erster Fußgängerschutzweg in Berlin. Die Berliner Verkehrspolizei hat in Niederschöneweide zur Sicherung des Fußgängerverkehrs eine Neuerung geschaffen. Über den Fahrdamm führt ein „Fußgängerschutzweg“, auf dem die Fußgänger das Vorrecht haben. Der Schutzweg ist kenntlich durch je zwei parallel laufende weiße Streifen quer zur Fahrbahn und durch rot-weiße Leuchtpfeile mit der Aufschrift „Fußgänger“. Die dort gesammelten Erfahrungen sollen richtungsgebend sein für die Errichtung weiterer derartiger Anlagen in anderen verkehrsreichen Straßen. UBz: Der erste Fußgängerschutzweg vor dem Ausgang des S-Bahnhofs Schönweide, vor dem sich leider bisher viele Verkehrsunfälle ereigneten.

Bis 1990 pendelte sich die Zahl der Straßenverkehrsunfallverunglückten zwischen 450.000 und 550.000 ein, allerdings bei kontinuierlicher Abnahme der Anzahl an Verkehrstoten auf bis zu 7.906. Das verkehrte sich erst ins Gegenteil, nachdem 1989 die Schleusen in Berlin geöffnet worden waren und überhaupt so einiges verkehrt zu laufen begann, eben nicht zuletzt auch beim Verkehr.

Zu gierig...
Zu gierig…

Als es in Deutschland dann doch einmal gelungen war, die Leute auf die Straße zu bekommen, wenn auch in der Regel für einen Blauen, den freien Zugang zu Bananen und das Recht auf Bumsvideos, galt es jetzt, nachdem endlich wieder Ordnung herrschte, die Menschen sicher über die Straße zu bringen. Und wenn sich der Deutsche in punkto Sicherheit etwas vornimmt, dann schafft er das auch – ob mit oder ohne Dickstrichkette:

2015 | 396.891 zu 3.459.

Beste Unfallstatistik aller Zeiten!

 

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